Leonard Goldberg
Lautloser Tod
400 pages
ISBN 978-3-89897-933-7
Published: 2008
4,95 EUR
Neue, hochkarätige Gerichtsmedizinerin
Ein toter Terrorist. Ein Mann mit Pockeninfektion. Eine islamische Verschwörung, die das Grauen des 11. Septembers mit einem neuen Anschlag übertreffen will. Doch diesmal noch viel ausgeklügelter, unabwendbar lautlos! Zwischen den Fronten dieses unsichtbaren Krieges kämpfen die Gerichtsmedizinerin Joanna Blalock und ihr Kollege Jake Sinclair. Können sie eine Katastrophe abwenden? Dann der Schock: Auch Joanna wurde infiziert!
LESPROBE
1
Mojave-Wüste Kalifornien
Der Vollmond war in dieser Aprilnacht von Hunderten funkelnder Sterne umgeben. Der Mondschein tauchte die langen Reihen geparkter Passagiermaschinen in ein geisterhaftes Licht. Von seinem Platz auf der fahrbaren Gangway aus konnte Ahmed Hassan die Aufschriften auf ihren Rümpfen erkennen: TransContinental, World, National. Fenster und Triebwerke der Flugzeuge waren abgedeckt und mit Klebeband gesichert worden, um das Innenleben vor dem feinen Wüstensand zu schützen. Ein Friedhof für alte Passagierflugzeuge, dachte Hassan. Die meisten der hier abgestellten Maschinen würde man verschrotten, doch die sechs nebeneinander stehenden neueren Jumbojets vom Typ 747 sollten schon bald wieder fliegen. Sehr bald sogar.
Irgendwoher aus der Dunkelheit drang ein Scheppern an Hassans Ohren, der sofort wachsam wurde. Er spähte in die Nacht und versuchte, Bewegungen in seinem Blickfeld auszumachen, doch er sah nur die gewaltigen Schatten, die die Maschinen auf den Boden warfen. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, als er sich vorstellte, was man mit ihnen machen würde, sollte man sie zu fassen bekommen. Man würde sie vielleicht hinrichten, zumindest aber würden sie für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis wandern. Hassan ging langsam die Stufen der Gangway hinunter. Sein Freund Khalil Mahmoud würde selbst auf sich aufpassen müssen.
Wieder war das Geräusch zu hören, doch diesmal konnte Hassan erleichtert aufatmen. Es kam aus dem Inneren der 747, wo sein Kompagnon zügig seiner Arbeit nachging und eine Aufgabe erledigte, die ihnen beiden einen Platz im Himmel garantierte - und ein angenehmes Leben, solange sie noch auf der Erde weilten. Jeder von ihnen würde eine jährliche Zahlung in Höhe von 50.000 Dollar bekommen, und wenn sie als Märtyrer starben, sollte diese Summe an ihre Familien gehen. Sie würden genug Geld haben, um sich jeder ein Haus nahe dem Mittelmeer zu kaufen, wo Blumen blühten und in der Nacht von der See eine erfrischende Brise über das Land wehte.
Abermals vernahm Hassan ein Poltern aus dem Inneren der Maschine, das in der Stille der Nacht noch lauter wirkte. Zwar war niemand außer ihnen hier, dennoch störte es ihn, dass Khalil einen solchen Lärm machte. Vielleicht hatten die Fluggesellschaften jemanden beauftragt, von Zeit zu Zeit nach ihren Fliegern zu sehen. Oder der Manager war auf die Idee gekommen, seiner Anlage einen seltenen nächtlichen Besuch abzustatten, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Es gab tausend Möglichkeiten, was alles passieren konnte, und jede einzelne davon könnte ihn das Leben kosten.
Hassan lehnte sich gegen die geschlossene Tür der 747 und ließ seinen Blick über die anderen Flugzeuge an diesem Ort mitten in der Wüste schweifen. Dass sie alle hier standen, war eine Folge der wirtschaftlichen Flaute, die durch die Ereignisse des 11. September ausgelöst worden war. Ein großartiger Tag, dachte Hassan, vor dessen geistigem Auge die Bilder abliefen, wie die Zwillingstürme in sich zusammenstürzten und nur ein Berg Schutt übrig blieb. Immer wieder war er die Listen der Opfer dieser Anschläge durchgegangen, stets auf der Suche nach jüdisch klingenden Namen. Er fand ein paar, aber bei Weitem nicht genug. Vielleicht hatten sie diesmal mehr Glück.
Dass Tausende New Yorker durch die Selbstmordattentäter ihr Leben verloren hatten, störte Hassan nicht im Geringsten. Die Bilanz war lange noch nicht ausgeglichen. Wie viele Moslems hatten jene Christen auf dem Gewissen, die auf ihren Kreuzzügen versucht hatten, die arabische Welt zu unterwerfen? Und wie viele Moslems hatte man abgeschlachtet, als das Osmanische Reich von den westlichen Mächten zerschlagen wurde? Nicht zu vergessen all jene Moslems, die im Kugelhagel der Israelis gestorben waren. Und die, die im Irak und in Afghanistan von amerikanischen Bomben zerfetzt wurden. Wenn man sie addierte, käme man auf eine Summe von etlichen Millionen. Was in New York geschehen war, das betrachtete Hassan lediglich als den Anfang der Vergeltung.
Da die Maschinen nur noch zu einem Drittel ausgelastet waren, sahen sich die amerikanischen Fluggesellschaften gezwungen, die Flugpläne drastisch auszudünnen. Die nicht mehr benötigten Maschinen vom Typ 727 und 737 wurden in die Wüste ausgelagert, wo man sie später ausschlachten und verschrotten würde. Doch mit den neueren Modellen des Typs 747 verfuhr man anders. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in dieser Anlage wurden sie eingemottet, indem man alle Flüssigkeiten wie Hydrauliköle und Treibstoff abpumpte und die Fenster und Turbinen zuklebte.
Das war vor fast einem Jahr gewesen. Zu der Zeit, als Hassan die Anweisung erhielt, sich von Seattle ins südliche Kalifornien zu begeben und sich um einen Job als Wachmann bei dieser Einrichtung in der Mojave-Wüste zu bewerben. Der Vorgänger auf diesem Posten war völlig überraschend verstorben, was der Liga des Heiligen Landes zu verdanken war. Bereits zwei Jahre zuvor hatte die Liga in ihrer unendlichen Weisheit seinem Freund Khalil einen Job in der großen Boeing-Produktion in Seattle verschafft, wo er mit der Montage der Jumbojets beschäftigt war. Die beiden Männer hatten sich eine Wohnung geteilt und auf weitere Befehle gewartet.
Sie mussten die Zeit totschlagen und sich in die amerikanische Gesellschaft einfügen. Obwohl sie beide strenggläubige Moslems waren, rasierten sie sich täglich, aßen Schweinefleisch, tranken Alkohol und besuchten Striplokale. Weder im ethnisch so vielfältigen Seattle noch in Südkalifornien hoben sie sich von den Amerikanern ab. Sie hatten Freunde und Geliebte, sie gingen zu Baseballspielen, und ihre Kollegen mochten sie.
Dann auf einmal ging es mit der amerikanischen Wirtschaft wieder bergauf. Die Leute flogen wieder mehr, und die Fluglinien benötigten plötzlich wiederum Maschinen wie die 747, um die steigende Nachfrage zu bedienen. Erst am Vortag hatte Hassan erfahren, dass die sechs Jumbojets überholt, betankt und bereits binnen einer Woche startklar gemacht werden sollten. Umgehend informierte er die Liga über diese Entwicklung, und sofort wurde Mahmoud angewiesen, unverzüglich bei Boeing Sonderurlaub zu nehmen - unter dem Vorwand, sein Vater habe einen schweren Herzinfarkt erlitten.
Hassan sah auf seine Uhr. Es war spät, viel später als er gedacht hatte. In vierzig Minuten würde die Sonne aufgehen. Die Zeit lief ihnen davon. Nervös wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und vom Hals, während er sich bemühte, nicht in Panik zu geraten. Manchmal kam der Wachmann der Morgenschicht schon vor Sonnenaufgang, viel früher als nötig. Mahmoud arbeitete zwar bereits an der letzten 747, dennoch war noch immer einiges zu erledigen. Die Tür der Maschine musste wieder zugeklebt werden, und die fahrbare Gangway musste zurück an ihren Platz in einem Schuppen, der gut eine halbe Meile entfernt lag. Und Mahmoud musste die Anlage verlassen, damit Hassan das Haupttor abschließen und seinen Morgenbericht schreiben konnte.
Das Problem war, dass Mahmoud die Arbeit an der letzten 747 noch lange nicht abgeschlossen hatte. Hassan warf einen Blick auf die kleine Kiste zu seinen Füßen, die sechs schlanke Glasampullen von der Größe einer langen Zigarre enthielt. Laut Mahmoud enthielten diese Ampullen ein Gas, das alle Passagiere an Bord der Maschine sofort einschlafen lassen würde, sobald es freigesetzt wurde - bis auf diejenigen, die vor dem Betreten des Flugzeugs ein Gegenmittel eingenommen hatten. Die Röhrchen wurden in spezielle Vorrichtungen montiert, die das Gas langsam in der ganzen Maschine verteilten. Ausgestattet waren die Vorrichtungen mit kleinen Teleskopantennen, sodass der Mechanismus per Fernsteuerung ausgelöst werden konnte.
Hassan hob eines dieser Röhrchen hoch und hielt es so, dass er es im Licht des Mondes betrachten konnte. Auf einer Seite war es in Englisch beschriftet, doch es war zu düster, um den Text entziffern zu können. Als er die Hand wieder herunternahm, bemerkte er, wie ihm der Glaszylinder zwischen den Fingern hindurchglitt. Er rutschte ihm aus der Hand und landete auf dem Boden. Hassan betete zu Allah, dass er beim Aufprall nicht zerschellt war, und eilte die Stufen der Gangway nach unten. Mit einer kleinen Taschenlampe suchte er die Umgebung ab, bis er das Behältnis fand.
Allah hatte sein Gebet nicht erhört, denn das Röhrchen war zerbrochen, das weiße Pulver hatte sich auf dem Boden verteilt. Hassan kniete nieder und sah sich das Ganze aus der Nähe an, als sei es denkbar, dieses Missgeschick ungeschehen zu machen. Aber das war nicht möglich, denn der schmale Zylinder war in tausend winzige Teile zersplittert.
Plötzlich fiel ihm die Wirkung des Pulvers ein, und er drehte sofort den Kopf zur Seite. Mehrmals atmete er tief durch, doch als er keinerlei Symptome feststellte, die er mit der Substanz in Verbindung hätte bringen können, drehte er mit dem Absatz eine Kuhle in den Wüstenboden, schob die Scherben hinein und bedeckte sie mit Sand.
Als er hörte, wie die Tür der 747 geöffnet wurde, eilte er zurück zur obersten Stufe.
»Gibt es Probleme?«, fragte Mahmoud ihn und hustete laut, wobei Schleim in seinem Hals rasselte.
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