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Barbara Bretton
Im Himmel der Liebe
316 pages
ISBN 978-3-89897-835-4
Published: 2008
4,95 EUR

Geheimnisvoller, schöner Retter

Die Situation ist ebenso lebensgefährlich wie peinlich: Auf einem Parkplatz wird Kate bewusstlos und von einem Unbekannten gerettet. Doch der verschwindet spurlos, sobald er Kate in Sicherheit weiß. Sie würde alles geben, um den Mann in dem seltsamen T-Shirt wiederzusehen - und sei es nur, um ihm zu danken. Als er dann eines Tages tatsächlich vor der Tür steht, beginnt für Kate eine ungewöhnliche, abenteuerliche Romanze.



LESEPROBE

Coburn, New Jersey - 9 Uhr 30
Kate French verlagerte den Telefonhörer von der linken Schulter auf die rechte und griff tiefer in ihre Wäscheschublade. » Mom! « Ihre Tochter Gwynn war kein Teenager mehr, ihrer Stimme aber war das nicht anzuhören. »Hörst du mir zu?« »Ich höre jede Silbe.« Kate zerrte eine einsame Stricksocke und ein rosa Seidenmieder (vorsintflutlich, noch aus der Disco-Ära) heraus und warf sie auf das Bett hinter sich. »Und was soll ich tun? « Leider hatte Kate bei diesem Gespräch nach fünf Minuten den mütterlichen Autopilot eingeschaltet und den Faden verloren. War Gwynn noch immer bei ihrer Mitbewohnerin Laura und deren übertriebener Verehrung der New York Giants, oder hatte sie bereits zu einem alten Lieblingsthema aller French-Frauen übergeleitet: der Zergliederung von Kates nicht existierendem Liebesleben? Sie beugte sich hinunter und spähte tiefer in die parfümierten Ecken. Ein schlichter Baumwollschlüpfer. War das etwa zu viel verlangt? »Erklär's mir doch noch mal, Schatz.« »Ich weiß, was du machst«, sagte Gwynn. »Du beantwortest E-Mails, während ich dir hier mein Herz ausschütte. Das solltest du wirklich nicht tun.« »Ich bin nicht am Computer, Gwynnie.« »Ich höre doch die Tasten klicken.« »Du hörst nur deine Mutter, die ihre Wäscheschublade nach einem ... «»Bleib dran! Ich krieg gerade noch einen Anruf.« Der Abstand zwischen dem dreizehnjährigen Mädchen, das ihre Tochter einmal gewesen war, und der inzwischen dreiundzwanzigjährigen Frau entpuppte sich als nicht ganz so gewaltig, wie Kate es sich erhofft hatte. Sie warf einen Blick auf ihren Wecker auf dem Nachttisch. Mach schon, Gwynnie. Ich hab zu tun. »Das war Andrew.« Gwynn, die Verliebte, hatte Gwynn, die Tochter, abgelöst. Sie klang völlig verzückt. Ein Ton, der sich in Kates Ohren wie ein Griffel auf der Schiefertafel anhörte. »Er hat vom Schiff aus angerufen! Ist das nicht der ... « »Ich leg jetzt auf «, sagte Kate. »Ich habe eine Verabredung in Princeton, und ich bin spät dran. Wir können doch ein andermal weiterreden, oder?« »Aber Mom, ich hab dir doch immer noch nicht ... « »Ich weiß, ich weiß, aber es hilft einfach nichts. Ich will wirklich alles hören, Schatz, aber nicht jetzt.« »Du fährst nach Princeton?« »Ja, aber nicht, wenn ich nicht in den nächsten zehn Minuten hier draußen bin.« »Wenn ich jetzt losgehe, könnte ich dich zum Mittagessen beim Mexikaner treffen und dir persönlich von meinen Neuigkeiten berichten. « »Ich dachte, unter der Woche machst du bei O'Malleys die Mittagsschicht. « »Montags ist nichts los. Es wird ihnen gar nicht auffallen. « »Du kannst doch nicht einfach wegbleiben, Gwynn. So hast du auch schon deinen letzten Job verloren!« Und wenn du hingehst, kommst du andauernd zu spät. So wirst du nie was erreichen. »Das machst du immer mit mir. « »Was denn?« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. War sie denn die Einzige in der Familie, für die Pünktlichkeit eine Bedeutung hatte? »Immer wird aufgerechnet und Buch geführt. Warum kannst du nicht einfach akzeptieren, dass mein beruflicher Werdegang anders verläuft als deiner, und mich mein eigenes Leben leben lassen?« »Müssen wir dieses Gespräch unbedingt jetzt führen, Gwynnie? « Ihr Biorhythmus war noch immer auf Londoner Zeit eingestellt, und sie hatte keine Lust, mit einer eigentlich selbstständigen jungen Frau, die immer noch erwartete, dass Mommy ihr die Kfz-Versicherung bezahlte, persönliche Rechte und Freiheiten zu erörtern. »Du klingst sauer.« »Was du da hörst, ist der Jetlag. « Sie wartete auf die zu erwartende Reaktion ihres einzigen Kindes, doch sie kam nicht. »Hast du vergessen, dass ich fast zehn Tage in England war? Vom Zeitgefühl her bin ich immer noch in London.« Klingelt da was bei dir, Gwynn? Irgendwie bildete sie sich ein, dass es die meisten Töchter bemerken würden, wenn ihre Mütter außer Landes waren. »Du warst ewig weg. Deswegen hab ich dir ja auch so viel zu erzählen.« »Es hilft alles nichts, Schatz. Ich muss wirklich weg.« »Geht's dir denn gut?«, fragte Gwynn. »Du bist ganz anders als sonst.« »Wir reden später, Schatz«, sagte sie und legte auf. Normalerweise hätte Kate sich schuldig gefühlt, ihrer Tochter derartig das Wort abzuschneiden, doch an diesem Tag fühlte sich sich lediglich erleichtert. Sie liebte Gwynn mehr als ihr Leben, aber die melodramatischen Ausbrüche ihrer Tochter hatten etwas an sich, das ihr buchstäblich den Atem raubte. »Okay«, sagte sie, als sie das Handy aufs Bett warf. »Und jetzt zur Sache.« Es musste doch noch irgendetwas Tragbares im Haus sein. Eine zehntägige Reise nach England konnte doch nicht sämtliche Wäschevorräte einer Frau erschöpfen. Sie zog die zweite Schublade ihrer Kommode heraus und kippte den Inhalt auf einen Haufen. T-Shirts aus diversen Inselparadiesen. Strapse mit winzigen, auf handgeklöppelte Spitze gestickten Rosen, Relikte einer längst vergangenen Valentinsfeier. Mehr BHs, als jede Frau mit Größe 75B in drei Leben gebraucht hätte. Eine Muschelkette. Die schwarze Spitzenmantille, die sie während ihres letzten Urlaubs als Ehefrau in einem Laden in Sevilla gefunden hatte. Eintrittskarten, ein Programm des McCarter-Theaters, ein verschrumpelter Dackel-Ballon und das mit Sicherheit schlimmste Geburtstagsgeschenk, das ihr ihre Mutter Maeve je gemacht hatte: der berüchtigte rote Spitzentanga. Maeve war Anfang der turbulenten Sechziger jung gewesen und meinte, die Flamme der Rebellion entzünden zu müssen, wo immer sich ihr eine Gelegenheit dazu bot. Und wie ließ sich bei ihrer vierzigjährigen Tochter wohl besser so etwas wie Leidenschaft entfachen, als wenn sie ihr vor sämtlichen Freunden, Kollegen, Verwandten sowie einem halben Dutzend potenzieller Liebhaber unerhört aufregende Unterwäsche überreichte? Leider hatten die Gefühle, die Maeve damit bei ihrer Tochter auslöste, überhaupt nichts mit Liebe, aber viel mit Verlegenheit zu tun gehabt. Kate hatte zwar versucht, es sportlich zu nehmen, aber sie hatte ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten müssen, um ihrer Mutter nicht an die Gurgel zu springen. Sie hielt den Tanga in die Höhe. Er hätte nicht mal eine Barbiepuppe notdürftig bedeckt, von einer ausgewachsenen Frau ganz zu schweigen. Was, um Himmels willen, hatte Maeve sich bloß dabei gedacht? Sie überlegte, noch rasch zu Target zu fahren und einen Dreierpack Unterhosen zu kaufen. Aber die Uhr tickte, und Professor Armitage war nicht für seine Geduld bekannt. Dazu kam die Tatsache, dass sie mehr als erschöpft war. Der Jetlag setzte ihr eigentlich nur selten zu, an diesem Tag aber hatte sie Mühe, die Augen lange genug offenzuhalten, um mit dem Anziehen fertig zu werden.

© Verlagsgruppe Weltbild Übersetzung: Maria Mill

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