Jo Beverley
Glühende Leidenschaft
464 pages
ISBN 978-3-86800-018-4
Published: 2008
4,95 EUR
Von der magischen Macht der Liebe
Meg Gillingham ist verzweifelt. Denn nach dem Tod ihrer Eltern steht sie allein und völlig mittellos da. Doch noch schwerer wiegt die Verantwortung, die sie jetzt für ihre jüngeren Geschwister hat. So ist es ein absoluter Glücksfall, als der reiche Graf von Saxonhurst um ihre Hand anhält. Und Meg ist bald auch überwältigt von ihrem charismatischen Bräutigam. Doch sie kennt nicht die Gründe seines Antrags: Saxonhurst braucht eine Braut, damit er nicht sein Vermögen verliert.
LESEPROBE
London, 1812
Der Türklopfer wurde so ungestüm betätigt, dass Meg Gillingham erschrocken zusammenfuhr und sich beinahe mit dem Schälmesser geschnitten hätte. Heiligabend! Wenigstens an Weihnachten hätte man sie doch in Ruhe lassen können.
Ein fortgesetztes heftiges Pochen an der Tür machte diesen Wunsch zunichte.
Ihre Schwester stand auf, die Miene von denselben Befürchtungen überschattet, die Meg ergriffen hatten. Doch Meg winkte Laura an den Küchentisch zurück, um das etwas turbulent verlaufende Basteln von Engeln aus Papierschnitzeln zu beaufsichtigen, mit dem sie die Zwillinge beschäftigte. Nervös wischte sie sich die Hände an ihrer Schürze ab, legte dann die beiden bereitliegenden schweren Schals um und ging durch den kalten Flur an die Haustür.
Sie hätte gerne durch das kleine Fenster gespäht, um zu sehen, wer draußen stand, doch das andauernde Hämmern und dazu der Ruf »Aufmachen, im Namen des Gesetzes!« veranlassten sie, in Windeseile den Riegel zurückzuschieben und aufzuschließen.
Hastig riss sie die Tür weit auf und sah im feinen Schneetreiben Sir Arthur Jakes vor sich stehen, ihren Vermieter, und dazu, schlimmer noch, den beleibten Gemeindediener Wrycroft, in Uniform und mit seinem Amtsstab ausgestattet. Bitte nicht am Heiligabend!, betete Meg. Bitte. Sir Arthur war doch immer so nett; ein alter Freund ihrer Eltern. Er würde sie doch bestimmt nicht an Weihnachten aus dem Haus werfen! Sicher musste er nicht darunter leiden, dass sie mit der Miete im Rückstand waren. Sein Mantel war von bester Qualität, ebenso sein dicker Schal, die teuren Lederhandschuhe und seine Biberfellmütze. »Na endlich, Meg«, sagte er mit zusammengekniffenem Gesicht. »Lassen Sie uns rein, bitte.« Meg schluckte, konnte jedoch nichts anderes tun als zurückzutreten und die beiden Herren mit einer Geste in den schmalen Flur zu bitten. »Worum geht es denn, Sir Arthur?«
Sobald sie die Tür wieder geschlossen hatte, erklärte er: »Mein liebes Mädchen, es kann Ihrer Aufmerksamkeit doch nicht entgangen sein, dass ihr seit über drei Monaten keine Miete bezahlt habt.«
»Aber Sie sagten, wir müssten uns deshalb keine Sorgen machen! «
Ihr Atem bildete ein weißes Wölkchen; sie zitterte und steckte die eisigen Hände unter ihre Schals. Wenn Sir Arthur allein gekommen wäre, hätte sie ihn in die Küche eingeladen, den einzigen Raum, der von einem Feuer erwärmt wurde. Doch etwas in ihr sperrte sich dagegen, den schmuddeligen, nach Zwiebeln riechenden Gemeindediener Wrycroft in den gemütlichsten Raum ihres Zuhauses einzulassen.» Meine liebe Meg, Sie werden verstehen, dass ich lediglich meinte, euch nach dem so unerwarteten, schockierenden Tod eurer Eltern etwas Zeit zu lassen. Zeit, um Hilfe zu suchen und Vorkehrungen zu treffen. « Sir Arthur zuckte die Achseln, ohne seine perfekt sitzende Kleidung in Unordnung zu bringen. »Aber das kann ja nicht ewig so weitergehen, vor allem jetzt, wo es auf den Winter zugeht.« Meg blickte um sich, als würden irgendwo einem Engel gleich Rat und Hilfe erscheinen. Aber die einzigen Engel, die es hier gab, waren die papierenen, die die Zwillinge gemacht hatten, und weder sie noch die aus dem Nachbargarten stibitzten Stechpalmenzweige boten ihr Rat oder Hilfe an. »Natürlich, Sir Arthur. Das verstehe ich schon. Sie waren wirklich sehr freundlich. Aber vielleicht können Sie uns noch ein bisschen mehr Zeit geben. Es ist Weihnachten ... «
»Na, na, Miss Gillingham«, schaltete sich jetzt der Gemeindediener ein, »Sir Arthur ist ja nun wirklich nett zu euch. Mehr als das.« Der große Wohltäter brachte ihn mit einer Geste seiner in feinem Leder steckenden Hand zum Schweigen. »Und ich kann es mir auch leisten, noch ein wenig länger nett zu sein. Wie Miss Gillingham sagt, es ist Weihnachten.« Oh, dem Himmel sei Dank!
»Aber Sie müssen schon verstehen«, fuhr er an Meg gewandt fort, »dass das kein fortdauerndes Arrangement sein kann. « Das verstand sie. Monatelang hatte sie von Hoffnungen gelebt, zuerst an verschiedene Verwandte geschrieben, dann an Freunde. Sie hatte ein paar nette Antworten erhalten und sogar einige kleine Bankwechsel, aber niemand wollte eine lebhafte fünfköpfige Familie bei sich aufnehmen. Schließlich hatte sie sich an Wohltätigkeitsorganisationen gewandt, aber da sie es bislang geschafft hatten, den Schein zu wahren, zeigten sich solche Gruppen nicht interessiert. Bei derartigen Verbänden fand man erst dann Gehör, wenn man mitten im Winter auf der Straße saß, mit nichts als dem, was man auf dem Leibe trug. Außerdem wäre die Familie dann zerrissen worden. Von Meg mit ihren einundzwanzig Jahren hätte man erwartet, dass sie für sich selbst sorgte. Der siebzehnjährige Jeremy hätte sich wohl in einem Büro verdingen müssen, und Laura, Richard und Rachel wären in eine Anstalt gesteckt worden, wo man ihnen einen Beruf beigebracht hätte. Sie sollte dankbar sein, aber es war einfach nicht richtig. Es war nicht fair! Schließlich waren sie die Kinder eines Gentlemans.
Aber es war sinnlos, ihre verzweifelte Lage noch länger verbergen zu wollen. Sie hatten praktisch kein Geld mehr. Als Festtagsbraten für Weihnachten hatte sie gerade noch Kaninchen erstehen können. Sie würden sich an Plum ding satt essen, den ihre Mutter noch im Sommer gemacht hatte, und danach nur noch dünne Suppen haben können und auch das würde nicht mehr lange gehen, und dann war der letzte Penny ausgegeben. Meg blickte niedergeschlagen zu Boden. »Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.« »Aber, meine Liebe.« Sein freundlicher Ton ließ sie voller Hoffnung aufblicken, doch irgendetwas in seinen Augen veranlasste sie, einen Schritt zurückzuweichen, sich zu entziehen. Plötzlich fiel ihr wieder ein, dass sich der »nette Onkel Sir Arthur vor Jahren zu einem heimlichen Freier gewandelt hatte. Das war ihr äußerst unangenehm gewesen. Und auch jetzt schaute er sie wieder so an. Wollte er sie immer noch heiraten? Bei dem Gedanken daran, wie er sie damals berührt hatte bekam Meg eine Gänsehaut - nette Klapse, aber an den falschen Stellen. Und sie erinnerte sich auch wieder dar; dass er sie oft mit schmeichelnden Worten in Verlegenheit gebracht hatte.
Aber wenn er ihr jetzt anbot, sie zu heiraten, dann würde sie seinen Antrag nicht abschlagen können.
Sie blickte in sein gut geschnittenes Gesicht, musterte seine elegante Erscheinung und versuchte, sich einzureden, dass ein solches Schicksal nicht allzu schlimm sein konnte.
»Gemeindediener Wrycroft«, sagte Sir Arthur, »ich gaube, für heute brauchen wir Sie nicht mehr. Ich werde m mit Miss Gillingham zusammensetzen und sehen, ob es nicht einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage gibt.«
Copyright © Jo Bevertey Publications, Inc., 1998
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Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2008 by
Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Steinerne Furt, 86167 Augsburg
Übersetzung: Heinz Tophinke
Umschlagabbildung: © Franco Accornero via Agentur Schlück GmbH