Lucy Lum
Gefangene der Löwenstadt
358 pages
ISBN 978-3-89897-702-9
Published: 2007
4,95 EUR
Die Autorin wurde 1933 in Singapur als Kind einer chinesischen Familie geboren. Hier erzählt sie ihre bemerkenswerte Geschichte.
Die Familie von Lucy steht unter dem eisernen Regiment der Großmutter. Sie schikaniert die Kinder, wo es nur geht. Lucy wächst mit Aberglauben und Gewalt auf. Trost und Liebe findet sie nur bei ihrem Vater, der aber an den Demütigungen seiner Schwiegermutter zerbricht. Doch die wahre Hölle erlebt Lucy, als die Japaner die britische Kolonie Singapur besetzen.
LESEPROBE
Sieh dir den Luftschutzbunker des rothaarigen Teufels an«, sagte Popo und deutete auf den Garten unseres Nachbarn. »Wie klug er ist. Ganz anders als dein Vater. Sein Bunker ist wie ein Haus, mit Feldbetten und Stühlen, einem Radio und Lampen. Und so hübsch von außen, mit Tapioka, Zuckerrohr und all diesen Blumen.« Seit Wochen erzählte uns Popo, meine Großmutter, dass wir keinen Grund zur Sorge hätten: Die Japaner würden Singapur niemals erobern, weil die Briten die Invasoren zurückschlagen würden. »Das Leben wird normal weitergehen«, sagte sie. Aber auf allen Straßen, in den Läden und im Kino waren Soldaten. In jeder Rikscha saß ein Soldat. Es gab Luftschutzübungen, und Menschen gruben in ihren Gärten und bauten improvisierte Schutzbunker. Man konnte die Größe einer Familie an den Ausmaßen des Erdhügels im Garten erkennen. Einige der Bunker waren wie kleine Fuchsbaue, bedeckt mit Holzbrettern, Ästen und Erde, aber in unserer Straße war der Bunker des rothaarigen Teufels der Größte und Beste, und wir waren neidisch. Er war englischer Beamter und Leiter des Polizeireviers, auf dem Vater arbeitete. Seine Frau und seine Kinder waren nach England evakuiert worden, und er hatte Vater erzählt, dass wir im Falle einer Bombardierung in seinem Bunker Zuflucht suchen konnten und in Sicherheit sein würden. Vater sagte, dass wir kein Loch in der Erde brauchten, um uns darin zu verstecken. Stattdessen stellte er den schweren Teakholztisch mitten ins Schlafzimmer und stapelte dann Decken und drei Kapok-Matratzen darauf. Weitere Matratzen legte er in Stapeln rings um den Tisch. Er meinte, das würde ausreichen, um Schrapnells aufzuhalten, und verhindern, dass die herabstürzende Decke uns erschlägt. »Wenn die Bomben kommen, braucht ihr nicht nach draußen in den Garten unseres Nachbars zu laufen. Ihr könnt aus euren Betten springen und euch unter dem Tisch zusammenrollen. Ihr müsst immer frisches Wasser und Kekse in euren Ranzen bereithalten«, sagte er. »In einem solchen Fall werden wir keine Zeit zu verschwenden haben.« Wenn er mit uns über die Bomben sprach, gab er stets acht, nicht Popos oder Mutters Blick zu begegnen. Er hatte Angst vor ihnen. Es gefiel ihnen nicht, wenn er ihnen sagte, was sie tun sollten.
Meine Brüder, meine Schwestern und ich freuten uns auf die Luftschutzübungen. Für uns waren sie Spiele. Wir fünf schnappten uns unsere Ranzen, wie Vater es uns aufgetragen hatte, rannten ins Schlafzimmer und tauchten unter dem Tisch unter. Dort war es warm und kuschelig, und wir konnten stundenlang spielen. Manchmal erzählte Vater uns Geschichten über die Insel Hainan, von der seine Familie stammte, und wir lauschten und knabberten dabei unsere Kekse. Ich war sieben, und niemand erklärte mir irgendetwas. Außerdem hatte ich Angst vor Popo. Vater sagte mir, dass wir sie Waipo nennen sollten, Äußere Großmutter, weil sie die Mutter unserer Mutter war, nicht seine. Aber wenn wir sie Waipo nannten, schlug sie sich an die Brust und erklärte uns, sie werde sich töten. »Dieser alte Beutel Knochen hat schon zu lange gelebt«, sagte sie dann. »Nicht einmal meine Enkelkinder lieben mich.« Eines Tages war ich mutig: Ich fragte Popo, wer die Invasoren seien und warum sie Singapur angreifen wollten. Sie ging zu einem Schrank, schob einen Stapel Papier und die winzigen, roten Beutel, in denen sie die getrockneten Nabelschnüre ihrer Kinder und Enkelkinder aufbewahrte, beiseite und zog eine große Weltkarte heraus. Sie war vergilbt vom Alter und fast zerfallen, aber sie breitete sie vor dem Tisch vor sich aus. »Hört zu«, begann sie und ließ sich in ihrem Lieblingssessel nieder. »Meine Mutter hat mir diese Geschichte erzählt, als ich noch ein Kind war: Der Maulbeerbaum ist bedeckt mit üppigen, köstlichen Blättern, die dem Seidenwurm gut munden. Das ist China«, sagte sie und deutete auf ein großes, rosafarbenes Land auf der Karte. »Es ist ein Land der Fülle, geradeso wie der Maulbeerbaum mit seinen Blättern, aber es wird behelligt von ausgehungerten japanischen Seidenwürmern von der anderen Seite des Meeres.« Sie klopfte mit den Knöcheln auf die Inseln Japans, die über das blaue Meer auf China zukrochen. »Die Seidenwürmer haben kaum zu fressen, und ihr habgieriger Blick ist starr auf China gerichtet, wo Fülle herrscht. Deshalb greifen sie an. Um uns zu verschlingen.« Popo erzählte mir von der langen Geschichte der Kämpfe zwischen China und Japan, von den Japanern, die Französisch-Indochina angegriffen hatten, von Dingen, die ich damals nicht verstand - von wirtschaftlichen Sanktionen und Ölembargos, von Japan, das mehr Öl wollte und plante, es von dem nur vierhundert Meilen weiter östlich gelegenen Borneo zu stehlen, dem aber Singapur im Weg lag. Und sie berichtete mir von einem Briten namens Raffles, der 1819 ins Land gekommen war und keine Angst vor den Sümpfen und Marschen hatte. Er hatte die Kontrolle über die Meerenge zwischen Malaya und Java übernommen und sich Singapur von dem Sultan von Johor geborgt. Sie erzählte mir, wie die Briten nach Malakka und Penang gekommen waren, nach Luban und vor allem nach Singapur, und erklärte mir, dass die Chinesen von Fukien und Swatow gekommen seien und von Kwantung, wo sie und ihr Mann, Kung-kung, geboren waren. All das erzählte sie mir und zischte dann: »Die schmutzigen Japaner! Sie haben viele Chinesen getötet, und wir werden für immer ihre Feinde sein.«
© Verlagsgruppe Weltbild
Deutsch von Michaela Link