Lynne Griffin
Ein Sommer ohne dich
424 pages
ISBN 978-3-86800-116-7
Published: 2009
10,95 EUR
Das schlimmste Schicksal einer Mutter
Wie lebt man weiter, wenn man das eigene Kind verloren hat? Für Tessa ist es fast das Ende, als ihre Tochter stirbt. Nur der Wunsch, den zu finden, der ihr Kind getötet hat, hält sie am Leben.
Die kleine Abby ist erst vier, als sie auf dem Weg zum Kindergarten bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Der Todesfahrer begeht Fahrerflucht. Für die Eltern Tessa und Ethan bricht eine Welt zusammen. Vor allem Tessa droht an diesem Unglück zu zerbrechen und zieht sich vom Leben zurück. Als die verzweifelten Eltern erfahren, dass die Ermittlungen gegen den Unfallverursacher verschleppt werden, wird es für Tessa fast zur Obsession, ihn auf eigene Faust zu finden. Und sie entschließt sich dazu, ihren Verlust mit professioneller Hilfe zu bewältigen. Die findet sie bei der Therapeutin Celia. Tessa ahnt nicht, dass Celia selbst mit großen familiären Problemen zu kämpfen hat. Und dass beider Schicksal auf tragische Weise miteinander verknüpft ist.
Leseprobe
Vergangene Nacht schlief ich über zwei Stunden. Ein neuer Rekord für mich: dreieinhalb Stunden. Ich wünschte, ich hätte nicht so lange geschlafen, denn als ich mit dem Kuschelhasen im Arm in Abbys Bett aufwachte, dauerte es ein paar Sekunden, bis ich mich erinnerte. Ich lag nicht in ihrem Bett, weil ich beim Vorlesen aus Wynken, Blynken und Nod eingeschlafen war oder weil ich sie nach einem bösen Traum getröstet hatte. Nein, das hier war mein Albtraum.
Ich hasse mich dafür, dass ich es eine Sekunde lang vergesse. Wenn ich es ein paar Sekunden lang vergesse, dann habe ich Angst, dass ich es eines Tages vielleicht ein paar Minuten lang oder sogar mehrere Stunden lang vergesse. Und ich will nicht vergessen.
Ich stieg aus ihrem Bett und strich das Laken glatt. Betttuch, Zudecke und Tagesdecke schlug ich unter die Matratze, anstatt alles herunterhängen zu lassen. Es sieht nicht richtig aus, das Bett so ordentlich zu machen. Aber ich bin bereit, in ihrem Zimmer eine kleine Veränderung vorzunehmen, wenn es mir dadurch nur gelingt, Abbys Geruch im Bett einzufangen.
Ich brauchte auf dem Treppenabsatz gar nicht in mein Schlafzimmer zu schauen. Im Flur tanzten Staubflusen, und der Kaffeeduft sagte mir, dass Ethan schon aufgestanden war. Meine Möglichkeiten waren begrenzt. Ich konnte mich wieder in Abbys warmes Bett legen. Dort konnte ich mich auf den Schmerz in der Magengegend konzentrieren, der mich in Wellen überfiel, wenn ich die Wolken ansah, die ich während der Schwangerschaft auf die Wände gemalt hatte. Oder ich konnte mich der Kälte unten stellen. Ich beschloss, mich über die unebenen Stufen nach unten zu schleppen, und überlegte mir, was ich Ethan sagen könnte. Innerhalb weniger Wochen sind unsere früher so munteren Unterhaltungen trübsinnig geworden.
Er saß am Tisch und sah zum Küchenfenster hinaus. Sein Gesicht war ausdruckslos. Ohne das Lächeln in seinen Augen sieht er aus wie ein anderer Mensch. Ich goss mir einen Becher Kaffee ein und fuhr ihm kurz durch die dunklen Locken, um ihn wissen zu lassen, dass ich da war, dann setzte ich mich ihm gegenüber hin.
»Vergisst du's je, auch nur eine Minute lang?«, fragte ich.
Jetzt war sein Blick in die Tiefen seines Bechers gerichtet. »Noch nicht.« Er trank einen Schluck und stellte den Becher ab.
Ich fragte ihn nicht, ob er vergessen möchte. Ich glaube schon, dass es so ist. Ich werde nie vergessen. Eher soll mich beim Klang ihres Namens ein Schwert durchbohren, als dass ich sie vergesse. Abigail Anna Gray.
»Hast du geschlafen?«, fragte er und streckte eine Hand zu meiner Tischseite herüber. »Du hast mir im Bett gefehlt.«
Ich hob den Becher an die Lippen. Alles, um seiner Berührung auszuweichen. »Ein bisschen. Gehst du nicht in die Arbeit?« Er trug einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug, natürlich würde er gehen. Ich dachte, ich könnte von unserem neuen Schlafarrangement ablenken, wenn ich das Thema wechselte.
»Zuerst fahre ich zur Polizei«, sagte er. »Willst du mitkommen? Ich könnte dich zurückbringen, bevor ich zur Arbeit weiterfahre.« Seine unwiderstehlichen blauen Augen sahen mich flehentlich an.
Ich richtete mich auf. »Hat Caulfield angerufen? Ich habe das Telefon gar nicht gehört.« Ethan ließ sich schwer gegen die Rückenlehne fallen. Seine eingesunkenen Schultern sagten mir, was ich schon bis zum Überdruss gehört hatte.
»Nein, Detective Caulfield hat nicht angerufen«, sagte er und betonte das »Detective«. »Als ich das letzte Mal mit ihm sprach, sagte er, er würde mit allen Leuten in der Beach Rose und mit den Lehrern sprechen und sich dann bei uns melden. Das war vor vier Tagen.«
Es entging mir nicht, dass Ethan mich korrigierte: Ich hatte den »Detective» unterschlagen - als wäre in meinen Augen derjenige, der für uns ermitteln sollte, ein weiterer Schicksalsschlag.
Ich hatte Detective Hollis Caulfield nur ein Mal getroffen, aber dieses eine Mal genügte, um zu wissen, dass ich ihn nicht mochte. Seine Untergebenen eilten ihm voraus, um uns mitzuteilen, dass Ermittlungen über Abbys Tod durchgeführt würden. Caulfields Arroganz eilte ihm voraus, als er uns das eine, einzige Mal besuchte. Ein Besuch, der bestimmt zwingend vorgeschrieben war, denn Caulfield hatte dem, was wir sowieso schon wussten, nichts Neues hinzuzufügen.
Niemand hat gesehen, wie es passiert ist.
Drei Tage nach Abbys Tod zwängte sich Caulfield in einem Jackett, das nicht einmal ein Drittel seiner Leibesfülle bedeckte, in unser altes Haus. Das Haus, früher einmal ein Zuhause, das jetzt erfüllt war mit den Anblicken, Geräuschen und Gerüchen einer Tragödie. Verweinte Nachbarinnen mit Apfelkuchen und zerdrückten Taschentüchern in der Hand standen in unserem Wohnzimmer und unserer Küche herum. Caulfield warf über eine Lesebrille, die ihm fast auf der Nasenspitze saß, einen kurzen Blick nach rechts und links auf die Versammelten, als erwarte er, dass sie ihm Platz machten, auch ohne dass er »Entschuldigung» zu sagen brauchte. Die Geräusche verstummten, als alle merkten, dass er kein netter Mensch war. Caulfield ist ein Polizist. In dem Moment war mir klar, dass er ein Schwein ist.
Ethan schenkte mir Kaffee nach, er wartete noch auf meine Antwort, ob ich zur Polizei mitfahren würde.
»Nein, fahr ohne mich. Ich habe nicht genug geschlafen, mir fehlt die Energie, mich zu duschen und anzuziehen und mich mit ihm auseinanderzusetzen. Wenn es dir nichts ausmacht, bleibe ich hier. Dich macht er nicht so nieder wie mich, und wahrscheinlich sagt er dir auch mehr. Ich glaube, er kann Frauen nicht leiden.«
»Ich kann es nicht leiden, wenn du das sagst.« Ethan kehrte mir den Rücken zu und stellte die Kanne wieder auf den Herd.
»Was?«, fragte ich. »Jetzt komm, das sieht man doch auf den ersten Blick, dass er nur Männer ernst nimmt. Wenn er redet, weicht er meinem Blick aus, und er richtet die Antworten auf meine Fragen immer nur an dich. Und er nennt mich >die Ehefrau<.«
»Also gut, er hat keine Umgangsformen. Aber deswegen brauchst du nicht gleich das Schlimmste von ihm anzunehmen. Du machst die Sache nicht besser, wenn du ihn gegen dich aufbringst.« Früher, als wir gegenseitig unsere Sätze beendeten, hätte einer von uns das Gespräch mit einer witzigen Bemerkung abgeschlossen, in der Art: »Du weißt doch, wie Tessa sein kann.« Jetzt beendete Ethan, der Diplomat, es mit »Weißt du?«.
Ich kann Caulfield nicht leiden. Ich wollte nicht versprechen, dass ich ihn nicht provozieren würde. Wenn es etwas nützen würde, würde ich es tun. Ich bin lediglich bereit, den Waffenstillstand mit Ethan zu halten. »Deswegen ist es besser, wenn ich hierbleibe. Du fährst zur Polizei. Und hinterher kannst du mir erzählen, was er gesagt hat - wenn du magst.« Mehr konnte ich Ethan nicht anbieten.
Unsere Augen wanderten zum Fenster; draußen hatte sich etwas bewegt. Ein Eichhörnchen turnte über einen langen Ast unseres Ahorns. Es erreichte das Seil, an dem Abbys Schaukel hing, und hüpfte über den Knoten hinweg.
Deutsche Erstausgabe 2009
Weltbild Buchverlag –Originalausgabe-
Copyright © 2009 by Lynn Griffin
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 Verlagsgruppe Weltbild GmbH
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