Susan Carroll
Die dunkle Königin
557 pages
ISBN 978-3-86800-101-3
Published: 2008
5,95 EUR
Spannend, mysteriös, atemberaubend!
Frankreich zur Zeit der Renaissance: Ariane, eine Frau mit magischen Fähigkeiten, lebt mit ihren Schwestern Gabrielle und Miribelle auf einer Insel vor der bretonischen Küste. Doch die Zeiten sind gefährlich, und die dunklen Machenschaften Katharina de Medicis werfen ihre Schatten voraus. Als der verwundete Captain Nicolas Remy auf der Insel Schutz sucht, nimmt Ariane ihn auf. Doch damit bringt sie nicht nur sich selbst in große Gefahr.
Leseprobe
1
Die Kammer lag geschützt vor neugierigen Blicken unter dem alten Teil des Hauses. In der Römerzeit hatte auf der Insel eine Festung gestanden, und die Kammer war Teil eines Verlieses gewesen - ein dunkler Ort, an dem verängstigte Seelen auf Folter und Tod warteten. Aber das war lange her. Die Ketten und Handfesseln waren längst verschwunden, an den steinernen Wänden standen nun Regale, gefüllt mit Gläsern voller Kräuter, staubbedeckten Flaschen und Büchern, in denen Wissen bewahrt wurde, das der Rest der Welt längst vergessen hatte. Den einst trostlosen Ort hatten weibliche Hände in eine Sammelstätte uralter Lehren und ein Versteck von Geheimnissen verwandelt. Was in diesen Regalen lagerte, hätte gereicht, eine Frau sieben Mal als Hexe zu verurteilen.
Doch niemand hätte einer Hexe weniger ähneln können als die junge Frau, die gerade in einem Kessel mit kochender Flüssigkeit rührte. Ariane Cheney war groß und schlank, ihre hochgewachsene Gestalt war in ein rotbraunes Gewand gehüllt, das durch eine Schürze um ihre Taille geschützt wurde.
Das orangerote Licht der Wandfackeln tanzte über ihre Züge. Ihr dichtes kastanienbraunes Haar war sittsam unter einem Tuch verborgen. Ariane hatte ein ungewöhnlich ernstes Gesicht für eine Frau von kaum einundzwanzig Jahren. In ihren nachdenklichen grauen Augen zeigte sich nur selten Heiterkeit, ihre Lippen formten kaum je ein Lächeln. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie tatsächlich wenig zu lachen gehabt. Ihr Vater war noch immer vermisst, sodass Ariane ihre zwei jüngeren Schwestern ganz allein beschützen und umsorgen musste. Täglich steigerten sich die Mutmaßungen, dass den Chevalier Louis Cheney bei seiner großartigen Entdeckungsreise ein schlimmes Schicksal ereilt hatte - entweder hatte er Schiffbruch erlitten, oder er war bei der Landung an feindseligen fremden Gestaden von Eingeborenen umgebracht worden. Ariane rührte ein letztes Mal im Kessel, dann schöpfte sie vorsichtig ein wenig von der klaren Flüssigkeit in ein dickes Tongefäß und brachte es zu dem langen hölzernen Arbeitstisch. Dort stand ein eiserner Mörser, in dem sie ein Pulver zerstoßen hatte, eine Mischung, deren Zusammensetzung zum Teil aus ihren Büchern stammte, zum Teil von ihr selbst erdacht worden war. Sie maß einen Löffel des Pulvers ab. Wie viel sie nehmen sollte, wusste sie nicht genau. Dann schloss sie die Augen und schickte ein stilles Gebet zum Himmel. »Oh bitte, lass es funktionieren!« Sie machte die Augen wieder auf und kippte das Pulver vorsichtig in das Tongefäß. Dann wartete sie besorgt. Sollte sie das Ganze vielleicht umrühren? Aber dazu kam es nicht mehr. Die Mischung reagierte prompt und heftig: Sie begann zu rauchen und zu zischen, zu blubbern und zu schäumen und über den Rand des Gefäßes zu treten. Ariane schrie erschrocken auf und nahm ein Tuch zur Hand. Aber die zischende Flüssigkeit zwang sie zum Rückzug.
Sie trat zur Seite und hob schützend einen Arm vors Gesicht - gerade noch rechtzeitig, bevor das Gefäß zersprang und roter Schaum und Tonscherben in der Kammer umherflogen. Ein ätzender Gestank breitete sich aus, er war so übel, dass Ariane würgen musste und ihre Augen zu tränen begannen. Sie wedelte mit ihrem Tuch herum, um die Luft ein wenig zu reinigen, dann wischte sie sich die Augen und begutachtete den Schaden. Sie war unverletzt, doch ihr Gebräu hatte den Tisch versengt und auch in ihre Schürze kleine Löcher gebrannt. Ariane hatte versagt. Wenn nur Maman da wäre, um mir zu helfen.; dachte sie. Diesen Wunsch verspürte sie jeden Tag ein Dutzend Mal, und wie immer überkam sie der vertraute Schmerz über den Verlust ihrer Mutter. Evangeline Cheney war eine äußerst gelehrte Tochter der Erde gewesen. Von der Schar der weisen Frauen war sie als Führerin betrachtet worden, die Herrin von Faire Isle, und dieser Titel war nun auf Ariane übergegangen. Doch sie hatte sich der Aufgabe, in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten, nie richtig gewachsen gefühlt.
Fast zwei Jahre lang hatte Ariane zusehen müssen, wie das Leben langsam aus der einst unbezwingbaren Evangeline gewichen war. Dennoch verging auch jetzt noch kein Tag, an dem sie nicht die sanfte Stärke ihrer Mutter und ihre weisen Ratschläge vermisste. Oh, Maman, dachte Ariane, wenn ich nur deine Stimme wieder hören könnte! Wäre es wirklich so schrecklich, den Geist ihrer Mutter herbeizurufen? Nur dieses eine Mal? Doch sie wusste nur allzu gut, was ihre Mutter dazu gesagt hätte. Evangeline Cheney hatte ihren drei Töchtern viele wundervolle Dinge beigebracht, doch sie hatte sie auch immer wieder eindringlich ermahnt, sich nicht mit schwarzer Magie zu befassen.
Ariane lenkte ihre Gedanken wieder auf das Chaos, das sie in ihrer Werkstatt angerichtet hatte. Sie hatte schon fast alle Tonscherben eingesammelt, als sie hörte, wie sich jemand an der Falltür zu schaffen machte, die den Zugang zu der versteckten Kammer verbarg. »Ariane?« Gabrielles Stimme drang von oben zu ihr hinab. Ariane hatte gerade noch Zeit, die Tonscherben wegzukippen, bevor ihre Schwester die steinerne Wendeltreppe herabkam. Sie sah aus wie eine Großherzogin, die am Hofe des Königs ihre Aufwartung macht. Das Mädchen hatte wieder einmal eines ihrer alten Gewänder geändert, um es modischer zu machen. Das einst recht schlichte Kleid war nun karneolbraun gefärbt und üppig mit einer goldenen Stickerei verziert. Die weiten Röcke bauschten sich über einer Krinoline und hatten vorne einen Schlitz, unter dem ein cremefarbenes, mit Spitze verziertes Untergewand hervorlugte. Am wenigsten gefiel Ariane das Mieder: Es war viel zu tief ausgeschnitten und enthüllte viel zu viel von Gabrielles üppigem Busen. Beim Hinabsteigen hob Gabrielle ihre Röcke mit einem eleganten Handgriff, um ja kein Körnchen Staub auf ihr Kleid zu bekommen. Ihr Haar schimmerte hellgolden, sie hatte einen alabasterfarbenen Teint, volle rote Lippen und juwelenblaue Augen.
Sie war so wunderschön, dass es Ariane oft in der Seele wehtat, wenn sie sie betrachtete. Vielleicht weil sie die Tage vermisste, als Gabrielle sich noch keine Sorgen um ihr Aussehen gemacht hatte und barfuß über Faire Isle gestreunt war, die Locken vom Wind zerzaust, oder mit farbverschmierten Wangen eine frische Leinwand verlangt hatte, um ein neues Bild zu malen. Und wenn sie sich wieder einmal an einer Skulptur versucht hatte, waren ihre Hände rau und die Nägel abgesplittert gewesen.
Jetzt waren Gabrielles Hände weich und die Fingernägel perfekt manikürt. Es waren ihre Augen, die in Gefahr schienen, hart und spröde zu werden. »Ah, da bist du. Ich habe schon überall nach dir gesucht«, beschwerte sie sich. Gabrielle besuchte die versteckte Werkstatt nur selten, und Ariane bemerkte beunruhigt, dass ihre Schwester sich nicht die Mühe gemacht hatte, die verborgene Tür über ihnen zu schließen. »Gabrielle, ich hoffe, du hast nicht vergessen, dass der Raum hier eigentlich geheim sein soll.« »Es ist ja wohl kaum so, dass unsere Bediensteten nichts von deiner Werkstatt wissen und davon, dass wir Hexen sind.« Als Ariane die Stirn runzelte, verdrehte Gabrielle die Augen und verbesserte sich. »Ach, entschuldige, ich vergaß - Hexen ist ein schlimmes Wort, ich hätte weise Frauen sagen sollen.«
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Copyright © 2005 by Susan Coppula
Übersetzung: Angela Schumitz