William Dietrich
Das ägyptische Amulett
592 pages
ISBN 978-3-89897962-7
Published: 2008
10,95 EUR
Großer Abenteuer-Roman
Ein amerikanischer Abenteurer, ein schicksalsträchtiges Amulett, eine geheimnisvolle Schöne, ein Abgesandter des Bösen - ein Roman wie großes Abenteuerkino!
Paris, 1798: Der Abenteurer Ethan Gage gewinnt beim Kartenspiel ein geheimnisvolles ägyptisches Amulett. Bald wird er von dunklen Gestalten verfolgt und die Polizei bezichtigt ihn eines Mordes. Ethan muss fliehen und schließt sich deshalb dem napoleonischen Ägyptenfeldzug an. Doch seine Verfolger sind ihm auf den Fersen. Kann ihm die mysteriöse Astiza helfen, das Geheimnis des Amuletts zu entschlüsseln? Ihre Nachforschungen führen sie in eine Höhle tief unter dem Sockel einer Pyramide. Dort finden sie einen sagenhaften Goldschatz, doch Astiza ist hinter etwas her, das viel kostbarer ist. Die atemlose Jagd geht weiter.
Vom gleichen Autor: Der Stein der Pharaonen
LESEPROBE
3
Der neunundvierzigjährige Chemiker Claude-Louis Berthollet war der berühmteste Schüler des guillotinierten Lavoisier. Im Gegensatz zu seinem Lehrmeister hatte er sich bei den Revolutionären beliebt gemacht, indem er einen Nitratersatzstoff für Salpeter fand, der für Schießpulver benötigt wird. Er stieg zum Leiter des neuen Institut National auf, dem Nachfolger der Academie Royale, und hatte sich mit seinem Freund, dem Mathematiker Gaspard Monge, die Aufgabe geteilt, bei der Plünderung Italiens zu helfen. Gelehrte waren es, die Bonaparte berieten, welche Meisterwerke, wie zum Beispiel die Mona Lisa, es wert waren, mit nach Frankreich gebracht zu werden. Das hatte dazu beigetragen, dass die beiden Wissenschaftler vertraute des Generals wurden und demzufolge in strategische Geheimnisse eingeweiht waren. Ihre Nützlichkeit für politische Zwecke erinnerte mich an einen Astronomen, der Messungen für das neue metrische System durchgeführt hatte. Man zwang ihn, seine weißen Vermessungsfahnen, die man als Symbol für König Ludwig empfand, durch die Trikolore zu ersetzen. Kein Beruf entkommt der Revolution. »Sie sind also kein Mörder, Monsieur Gage?«, fragte der Chemiker nicht unfreundlich. Mit hoher Stirn, markanter Nase, strenger Mundpartie und traurigen, schwerlidrigen Augen sah er aus wie der müde Herr eines Landsitzes, der die wachsende Allianz der Wissenschaft mit den Regierungen mit demselben Zweifel betrachtet wie ein Vater den Freier seiner Tochter. »Ich schwöre es bei Gott, dem Großen Architekten der Freimaurer, oder bei den Gesetzen der Chemie.« Seine Augenbrauen zuckten. »Je nachdem, wem ich gerade huldige, nehme ich an?« »Ich versuche nur, Sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen, Doktor Berthollet. Ich habe den Verdacht, der Mörder war ein Hauptmann der Armee oder Graf Silano, der sich für ein Amulett interessierte, das ich gerade gewonnen hatte.« »Ein tödliches Interesse.« »Es erscheint eigenartig, ich weiß.« »Und das Mädchen hat den Anfangsbuchstaben Ihres Namens geschrieben, nicht den Namen der anderen.« »Falls sie es geschrieben hat.« »Die Polizei behauptet, die Breite ihres letzten Schriftzugs entspreche ihrer Fingerspitze.« »Ich hatte gerade mit ihr geschlafen und dafür bezahlt. Weder hatte ich einen Grund, sie umzubringen, noch hatte sie einen, mich dessen zu beschuldigen. Ich wusste, wo das Amulett war.« »Hm, ja.« Er setzte seine Brille auf. »Zeigen Sie es mir.« Wir untersuchten das Amulett, während Talma uns zusah und ein Taschentuch umklammerte, falls er einen Grund zum Niesen fand. Berthollet drehte das Amulett um, wie Silano und Talma es vor ihm getan hatten, und lehnte sich schließlich zurück. »Bis auf das bisschen Gold kann ich nicht erkennen, warum so ein Wirbel darum gemacht wird.« »Ich auch nicht.« »Kein Schlüssel, keine Karte, kein Symbol für einen Gott und nicht einmal besonders reizvoll. Mir fällt es schwer zu glauben, dass Kleopatra es getragen hat.« »Der Hauptmann sagte, es habe ihr nur gehört. Als Königin ...«
»Dürften ihr so viele Gegenstände zugeschrieben werden, wie Jesus Holzstücke des Kreuzes und Phiolen mit Blut.« Der Wissenschaftler schüttelte den Kopf. »Was ist leichter, als eine Behauptung aufzustellen, um den Wert eines unförmigen Schmuckstücks in die Höhe zu treiben?« Wir saßen im Untergeschoss des Hötel Le Coq, das wegen der Ost-West-Ausrichtung des Kellers von einem Zweig der Orientalischen Freimaurerloge benutzt wurde. Zwischen zwei Säulen stand ein Tisch mit einem Tuch und einem geschlossenen Buch. Bänke verschwanden im Dunkel unter den Bögen des Gewölbes. Das einzige Licht spendeten Kerzen. Ihr Schein flackerte auf ägyptischen Hieroglyphen, die niemand lesen konnte, und auf biblischen Szenen vom Bau des Tempels Salomos. Auf einem Regal lag ein Schädel, der uns an die Sterblichkeit gemahnte, aber nichts zu unserer Unterhaltung beitrug. »Und Sie verbürgen sich für seine Unschuld?«, fragte der Chemiker meinen Freimaurerfreund. »Der Amerikaner ist ein Mann der Wissenschaft wie Sie, Doktor«, sagte Talma. »Er ging bei dem großen Franklin in die Lehre und ist selbst ein Pionier der Elektrizität.« »Ah, ja. Elektrizität. Blitze und fliegende Drachen und Funken in einem Salon. Sagen Sie mir, Gage, was ist Elektrizität?« »Nun ja.« Ich wollte gegenüber einem renommierten Wissenschaftler mit meinem Wissen nicht prahlen. »Doktor Franklin hielt sie für eine Offenbarung der grundlegenden Kraft, die das Universum mit Leben erfüllt. In Wirklichkeit weiß es niemand. Wir können sie erzeugen, indem wir eine Kurbel drehen und sie in einem Glas stauen, also wissen wir, dass es sie gibt. Aber wer weiß, warum?« »Genau.« Nachdenklich betrachtete der Chemiker mein Amulett von allen Seiten. »Und was wäre, wenn die Menschen es in ferner Vergangenheit gewusst hätten? Wenn sie Kräfte beherrscht hätten, die uns nicht mehr zur Verfügung stehen?« »Sie kannten Elektrizität?« »Immerhin wussten sie, wie man außergewöhnliche Monumente errichtet.« »Es ist doch interessant, dass Ethan dieses Amulett findet und damit gerade zu diesem besonderen Zeitpunkt zu uns kommt«, fügte Talma hinzu.
»Dennoch glaubt die Wissenschaft nicht an Zufälle«, erwiderte Berthollet. »Zeitpunkt?«, fragte ich.
»Man muss allerdings eine günstige Gelegenheit erkennen«, gab der Chemiker zu. »Um welche Gelegenheit handelt es sich?« Ich begann zu hoffen. »Sich der Armee anzuschließen und somit der Guillotine zu entkommen«, antwortete Berthollet. »Was?!«
Copyright © 2007 by William Dietrich
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2008 Verlagsgruppe Weltbild GmbH
Übersetzung: Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol