Elizabeth Lowell
Das Geheimnis der Saphire
461 pages
ISBN 978-3-89897-996-2
Published: 2008
4,95 EUR
Spannung von der "Crime Queen"
Der Edelsteinkurier Lee verschwindet spurlos. Im Gepäck hat er sieben unschätzbar wertvolle Saphire. Die Polizei vermutet zunächst, er sei durchgebrannt. Doch Lees Schwester, die Edelsteinschleiferin Kate Chandler, glaubt an Mord.
Also beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Damit gerät sie allerdings selbst ins Visier einer skrupellosen Diebesbande. Und die lässt keinen Zweifel daran, dass sie auch über Leichen gehen wird.
LESEPROBE
1
Sanibel, Florida November
Lee Mandel war es gewohnt, wachsam zu sein. Das brachte sein Job mit sich. Doch als er sich nun zufrieden in der Februarsonne räkelte, dachte er nicht an Wachsamkeit. Er lächelte den Kellner an, der den geschmeidigen Körper und den Optimismus der Unterdreißigjährigen besaß. »Hey, sind Sie sicher, dass Sie die besten Shrimps auf Sanibel Island machen? «, neckte Lee ihn. »Darauf können Sie Ihren Hintern verwetten, Sir.« Lee lachte und winkte den Kellner fort. »Ich nehme das Gleiche wie immer. Und Kaffee, so schnell, wie Ihre großen Füße Sie tragen. Ach, und bringen Sie mir auch ein paar zusätzliche Papiertüten zum Mitnehmen, okay?« Der junge Mann grinste, griff hinter sich und präsentierte zwei weiße Papiertüten. An den Seiten prangte in einem leuchtend roten Schriftzug das Logo des Lokals, SoupOr Shrimp. »Reicht das?« Er ließ sie vor Lee auf den Tisch fallen. »Hab sie gleich mitgebracht, als ich Sie die Treppe raufkommen sah. « Unbehagen erfasste Lee. Er wurde allmählich berechenbar. In seinem Beruf war das nicht nur dumm, es war gefährlich. Doch soweit er gesehen hatte, war ihm niemand über die Brücken vom Festland nach Sanibel Island gefolgt. Außerdem: Wenn der Inhalt des Kurierpäckchens erst einmal in einer zerknitterten Imbisstüte steckte, würde niemand vermuten, was Lee wusste: dass es sich dabei um Edelsteine im Wert von mindestens einer Million Dollar handelte. Großhandelspreis. In Zukunft würde er etwas noch Unauffälligeres verwenden, vielleicht braune Papiertüten wie die für Weinflaschen. Normalerweise mussten sich Kuriere, die einzigartige Ware transportierten, nicht so große Sorgen machen wie die Jungs, die Uhren und Verlobungsringe überbrachten. Normalerweise, aber nicht immer. In den letzten Jahren waren Gerüchte über eine neue Bande aufgekommen - eine Bande, die es nur auf die allerhochwertigsten beweglichen Wertgegenstände abgesehen hatte. Das einzig Gute daran war, dass diese Bande nicht so brutal war wie die Südamerikaner. Die Neuen gingen raffiniert und unauffällig zu Werke. Der Kellner und sein knackiger Hintern verschwanden wieder im düsteren, verrauchten Lokal. Lee blieb allein zurück und genoss die Wintersonne. Er stellte seinen Stuhl mit dem Rücken zur Wand hin und fragte sich, was seine Schwester Kate wohl gerade trieb, jetzt, da sie das Schleifen und Polieren der Sieben Sünden abgeschlossen hatte. Wahrscheinlich bereitete sie sich darauf vor, sich wieder dem Wanderzirkus der Edelsteinmessen anzuschließen, auf der Suche nach einem ungeschliffenen Stein, der ihre Mühe und Arbeitszeit lohnen würde. Wenn Mom und Dad das Thema Enkelkinder einmal ruhen ließen, dann würde sie vielleicht etwas kürzertreten und einen netten Mann kennenlernen. Im Augenblick treiben sie sie jedenfalls in den Wahnsinn, genau wie mich früher. Leise meldete sich sein schlechtes Gewissen. Er sollte es seinen Eltern wirklich sagen, besonders jetzt, wo er den Mann gefunden hatte, mit dem er sein Leben verbringen wollte. Er hatte bloß keine Lust auf den ganzen Mist, der auf sein Coming-out folgen würde: die Tränen und das »Was haben wir nur falsch gemacht?«, Seine Eltern hatten nichts falsch gemacht. Er war nur nicht der Sohn, den sie sich erhofft hatten. Ende der traurigen Geschichte. Gesprächsfetzen trieben an Lee vorüber. Einige davon kamen von dem Parkplatz gleich unterhalb seines Sitzplatzes. Auf Sanibel Island standen beinahe alle Gebäude auf Pfählen. Bei einem Hurrikan wurde der ärgste Schlamassel einfach unter den Gebäuden hindurchgeschwemmt, und die höher gelegenen Wohnräume blieben mehr oder weniger intakt.
»Aber ich will den Schatz sehen!« Die durchdringend hohe Stimme mit dem störrischen Tonfall gehörte einem jungen Mädchen, das soeben auf dem ungeschützt in der Sonne liegenden Parkplatzbereich, für den die Touristen sich unweigerlich entschieden, aus einem Auto stieg. Lee musste lächeln, als er sich glühende Polster und Lenkräder vorstellte, die zu heiß waren, als dass man sie anfassen konnte, und er fragte sich, ob die »Zugvögel « aus dem Norden der Vereinigten Staaten Angst vor den Schatten zwischen den Pfählen hatten, auf denen das kleine Einkaufszentrum stand. »Wir haben uns den Atocha-Kram letztes Jahr angesehen. Keine große Sache. « Die Stimme des Vaters klang gereizt und ungeduldig. »Die wollen in diesem sogenannten Museum doch bloß dem nächsten Schafskopf, der durch die Tür kommt, völlig überteuerte Pesos andrehen.« »Ist mir doch egal. Ich will die Goldmünzen sehen, und die Smaragde. « Lee blendete das Gequengel des Mädchens aus. Er fragte sich, was es wohl zu den sieben außergewöhnlichen Saphiren sagen würde, die im Kofferraum seines Wagens eingeschlossen waren. Meistens wusste er gar nicht, was sich in den unbeschrifteten Päckchen befand, die er für diverse Kurierdienste, darunter den seiner eigenen Familie, von A nach B brachte. Er genoss die Freiheit, die seine Selbstständigkeit mit sich brachte. Doch bei diesem Auftrag war er nun einmal der Sohn des Firmeneigentümers und zugleich der Bru-
der der Edelsteinschleiferin, deshalb wusste er über die Sieben Sünden und ihren Wert Bescheid.
Als Kate den Auftrag erhalten hatte, diese außergewöhnlich hochwertigen Saphire zu schleifen, war sie so aufgeregt gewesen, dass sie ihn angerufen und ihm die Steine beschrieben hatte, wie er einen Liebhaber geschildert hätte. Er hatte Kate zwei Mal in Arizona besucht und jedes Mal gestaunt, wie aus dem formlosen, stumpfen, bläulichen Stein allmählich exquisit facettierte Edelsteine entstanden waren, die in einem außergewöhnlichen Blau erstrahlten. Kates Begeisterung hatte ihn gefreut. Sie hatte plötzlich um Jahre jünger als er selbst gewirkt, obwohl sie acht Jahre älter war. Und er konnte ihr die Begeisterung nicht verdenken. Für eine vergleichsweise junge Schleiferin wie sie war es ein riesiger Erfolg gewesen, einen solchen Auftrag von Arthur McCloud, einem der führenden Edelsteinsammler weltweit, an Land zu ziehen. Sie hatte sogar darum gebeten, Lee mit dem Transport des Rohedelsteins zu ihr und dem Rücktransport der geschliffenen und polierten Steine zu McCloud zu beauftragen. Auf diese Weise war das Ganze sozusagen in der Familie geblieben.
Die Sonne blendete ihn. Er kniff die Augen zusammen und sah auf die bescheidene Uhr an seinem linken Handgelenk. Viertel vor elf. Noch reichlich Zeit. Von diesem Lokal aus dauerte es vielleicht eine Viertelstunde bis zu seinem Ziel auf Captiva Island - die beiden Inseln waren durch eine kleine Brücke miteinander verbunden. Mit etwas Glück bliebe ihm nach Ablieferung der Steine noch eine Stunde Zeit, um bei Ebbe Muscheln zu sammeln, ehe sein Flug von Fort Myers nach Los Angeles ging. Es war Freitag - neunzig Prozent des Verkehrs würden sich über die Brücken in Richtung Sanibel Island wälzen; er würde in die entgegengesetzte Richtung fahren. Die Fahrt zum Flughafen sollte eigentlich kein Problem sein. Er räkelte sich erneut. In seinen Shorts, dem Polohemd und den Sandalen verschmolz er mit der übrigen Bevölkerung. Nicht zu groß. Nicht zu klein. Nicht zu dick. Nicht zu braun gebrannt. Absoluter Durchschnitt. Kuriere waren so anonym wie ihre Päckchen. Bei einem Auftrag in Manhattan hätte er einen dunklen Anzug und darüber einen dunkelgrauen Mantel getragen. Seattle hätte eine Hightech-Regenjacke und den unvermeidlichen Becher Espresso in der Hand erfordert. Keinen Regenschirm. Damit gab sich im sogenannten Pacific Northwet mit seinem ständigen Regenwetter niemand ab. Das leise Geräusch, mit dem ein Wagen auf einen elektronischen Autoschlüssel reagierte, schreckte Lee aus seinen Gedanken. Er setzte sich auf und ging im Geiste sämtliche Autos durch, die er gesehen hatte, als er seinen Wagen auf dem Parkplatz gleich unterhalb seines Tisches in der Nähe der Treppe abgestellt hatte. Sein weißer Mietwagen war das einzige Auto im Umfeld der Treppe gewesen. Die meisten Geschäfte öffneten um elf Uhr, und bis dahin waren es noch zwanzig Minuten. Die wenigen Pkws und Kleintransporter, die er gesehen hatte, standen am anderen Ende, weit von der Treppe entfernt. Wahrscheinlich gehörten sie den Angestellten, die Anweisung hatten, die Parkplätze in der Nähe der Treppe für zahlende Gäste frei zu halten.
Er stand auf und blickte über das Geländer zu dem ein Stockwerk entfernten Boden. Keine Menschenseele. Das quengelnde Mädchen und seine Familie waren ins Lokal gegangen. Offenbar mochten sie lieber verrauchte als frische Luft. Im Augenblick war er so allein, wie man es im winterlichen Touristenmekka Sanibel Island nur sein konnte. Unter sich hörte er ein gedämpftes Geräusch, als würde ein Kofferraum geschlossen. Mit gerunzelter Stirn hastete er die Treppe hinab. Der Übergang vom grellen Floridasonnenschein ins schattige Halbdunkel des Parkplatzes ließ ihn zögern. Rasch blickte er sich um. Nichts rührte sich hier im kühlen Schatten.
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